Von Vanessa Seifert:

Schauergeschichte

»Gut, du weißt, was du suchen sollst«, fragte er.

Ich nickte und schaute mich in dem Lager der Pressestelle um. »Ich soll die Tassen suchen«, antwortete ich. Mein Blick analysierte in wenigen Sekunden die einfachen Regale und die etwas älter wirkenden Schränke. Doch dann fiel mein Blick auf eine Tür am Ende des Raums, auf der ein Schild mit ›Betreten strengstens verboten!‹ stand.

Der Leiter der Pressestelle drehte sich gerade um und wollte gehen, da fragte ich ihn, »Was ist hinter der Tür da vorne?« Ich deutete in die Richtung der Tür und sein Blick folgte meinem.

»Ähm…«, sagte er. Ich schaute zu ihm hoch. In seinen Augen stand plötzlich eine Art von Angst. »Nichts.« Seine Stimme zitterte.

»Okay.«

»Du findest mich dann gleich da drüben in der Poststelle.«

Ich nickte und überlegte, wo ich mit meiner Suche nach den Tassen beginnen sollte. Nach einigen Sekunden hatte ich mich schließlich entschieden und begann zu allererst die älteren Schränke zu durchsuchen. Im ersten Schrank waren nichts weiteres als leere Kartons, Klebeband, ein paar noch fest verschlossene Päckchen und eine kleine Ansammlung von Stifthaltern. Im Schrank darauf war ähnliches zu finden. Jedoch keine Tassen mit dem Logo von Troisdorf. Also beschloss ich zu den Regalen in der Nähe der Tür zu gehen und dort weiterzusuchen.

Ein leises Quietschen ließ mich beim Wühlen in einer hellblauen Kiste innehalten und kurz zusammenzucken. Ich blickte hinter mich, da ich mir sicher war, dass es von hinter mir gekommen war. Hinter mir befand sich nicht mehr als ein leerstehendes Regal und … eine offene Tür. Sie war nur noch angelehnt und nicht mehr verschlossen. Vielleicht hatte der Wind sie aufgestoßen … auch wenn ich mir das hier unten im Untergeschoss wirklich schlecht vorstellen konnte.

Ich stand auf, griff nach der Klinke der Tür mit dem Versuch sie wieder zu schließen, doch vergeblich. Egal wie sehr ich drückte, sie ließ sich nicht verschließen. So als hätte jemand die Tür abgeschlossen, obwohl die Tür noch offen stand. Aber das konnte nicht sein. Gerade eben war die Tür noch zu gewesen. Wie konnte sie jetzt nicht mehr zugehen? Niemand außer mir war hier. Eine Gänsehaut überzog meine Arme.

Ich überlegte nicht lange und beschloss zum Presseleiter zu gehen, um ihm davon zu berichten. Schnellen Schrittes verließ ich das Lager und überquerte den Flur. Die Tür zur Poststelle war geöffnet. Ohne zu zögern betrat ich diese, scannte den Raum nach dem Presseleiter. Als ich ihn nicht gleich entdecken konnte, rief ich, »Herr Schult? Sind Sie hier?«

»Hier drüben«, kam es zurück und der Presseleiter lugte hinter einem der Regale hervor. »Was gibt es? Hast du die Tassen schon gefunden?«

Ich ging zu ihm hinüber und erklärte, »Ich wollte Ihnen nur kurz Bescheid geben, dass die Tür im Lager sich wie von Zauberhand geöffnet hat.«

»Was sagst du da?!« Seine Augen wurden riesig, seine Mundwickel kippten nach unten.

»Die Tür ist aufgegangen«, wiederholte ich.

Herr Schult sah wie erstarrt vor sich ins Leere. Dann murmelte er auf einmal vor sich hin, »Er ist ausgebrochen.«

»Wer ist ausgebrochen«, hakte ich augenblicklich nach.

»Josef Ludwig«, flüsterte er panisch und Schweiß glänzte auf seiner Stirn.

»Wer ist das?«

»Josef Ludwig ist der erste Bürgermeister von Troisdorf und besetzte von 1969 bis 1975 dieses Amt«, erklärte Herr Schult, mittlerweile zitterten schon seine Hände und der Rest seines Körpers - hatte sie das Gefühl - würde es den Händen bald gleichtun.

»Ja und? Was hat das mit der Tür zutun?« Verwirrt sah ich den Presseleiter an.

»Josef Ludwig ist 2019 mit 99 Jahren gestorben. Aber sein Geist lebt noch immer hier. Hinter der Tür befindet sich ein Tunnel, der früher das Rathaus mit dem gegenüberliegendem verbunden hat. Doch als Josef Ludwigs Geist 2020 hier anfing herumzuspuken und Sachen anzustellen, die du in deinen schlimmsten Albträumen nicht erwarten würdest, wurde sein Geist mit allen Mitteln, die es damals gab, eingefangen und eingemauert. Im Tunnel befindet sich auch die Heizung vom ganzen Haus, aber bis auf die Kontrolle, die einmal im Jahr nach der Heizung schaut, ist die Tür immer verschlossen. Ich befürchte … Josef Ludwig ist … ausgebrochen.«

»Was stellt er für Sachen an«, hakte ich durcheinander nach und spürte auch langsam in mir die Panik aufsteigen.

»Schlimme Sachen.« Herr Schult hatte sein Handy gezogen und eine Nummer in sein Handy getippt, die er kurz darauf anrief. »Guten Tag … Er ist ausgebrochen … Josef Ludwig… Ich weiß auch nicht wie das passieren konnte … Ja, machen Sie das … Gut …« Er legte auf.

Dann sagte er an mich gewandt, »Die Polizei ist unterwegs und das restliche Gebäude wird evakuiert. Bevor etwas Schlimmes passiert, sollten wir ihn besser suchen.«

»Und wie findet man einen Geist?«

»Man beginnt dort, wo er hergekommen ist. Im Tunnel«, sagt er. »Folg mir.«

Herr Schult führte mich wieder zurück ins Lager und hin zur offenen Tür. Eine kurze Treppe führte nach unten. Das Licht flackerte schwach an der Decke. Unten nahm ich das laute, eintönige Dröhnen der Heizung wahr. Ein paar Meter weiter erkannt ich einige gelbe Rohre.

»Zögere nicht. Wir müssen uns beeilen.« Herr Schult beschleunigte seine Schritte.

Ich folgte ihm schnellen Schrittes und der Gang wurde schmaler. Das flackernde Licht wurde nach und nach schwächer, bis es gerade mal so viel Licht erzeugte, wie ein einzelnes Glühwürmchen in der Dunkelheit bewirken konnte. Ein eiskalter Luftzug strich über meine Arme, ließ meine Haare Aufwirbeln und ein Schauer lief mir über den Rücken.

Die Decke war etwas weiter im Tunnel tiefer und Herr Schult musste sich leicht bücken, damit er nicht mit dem Kopf an der Decke entlang schliff.

Es war still. Nur das Auftreten unserer Schritte war zu hören. Eine eiskalte Leere bewegte sich ihnen entgegen und ich begann zu zittern. Es war verdammt düster hier unten. Beinahe unheimlich.

Plötzlich hörte ich ein leises, schrilles Lachen. Es war nicht weit entfernt von uns und ich erschrak so sehr, dass ich fast über meine eigenen Füße stolperte.

Gott … worauf hatte ich mich hier bloß eingelassen? Ich hätte dieses Praktikum nie annehmen dürfen!

Alles hier unten roch faul und … verrottet. Angsteinflößend dagegen waren diese eiskalten Windstöße, die uns entgegenkamen.

»Was war das«, wisperte ich.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte Herr Schult. »Aber er wird nicht noch hier sein. Denke ich zumindest…«

Die verunsicherte Stimme des Presseleiters machte mir Angst. Mehr Angst als ich ertragen konnte und mir wurde speiübel.

»Da vorne«, wisperte Herr Schult nach einer Weile und deutete ins Dunkle. Doch nach und nach schien sich diese Dunkelheit aufzulösen und nach einigen Sekunden erkannte ich, was vor uns lag. Es war eine Wand. Naja… Genauer gesagt eine Wand, die durchgeschlagen wurde, denn in der Mitte klaffte ein großes, bröckelndes Loch, das Schwärze hinter sich freigab.

Plötzlich hörte ich etwas. Etwas, das so klang, als würde jemand mit einem Stiefel auf einen kahlen Boden treten. Ich zuckte so stark zusammen, dass ich wie angewurzelt stehen blieb. Der Presseleiter hatte es auch gehört, denn er hielt auch für einen Moment inne.

Wir lauschten in die nun bedrückende Stille hinein. Da! Ein weiterer Schritt. Dann wieder dieses leise, verrückte Lachen.

Verängstigt sah ich Herr Schult an, der leichenblass geworden war und ich war mir sicher, dass ich mindestens genauso schlimm aussah wie er. Mein Mageninnere drehte sich und mein Herz pumpte so schnell Blut durch meine Adern, dass das Adrenalin nur so durch mich durchschoss.

»Hallöchen«, lachte es auf einmal von der anderen Seite des Lochs, »meine lieben, lieben Püppchen…« Das Lachen wurde lauter und weitere Schritte waren zu hören, die sich dem Loch näherten.

Mein Atem ging schneller und ich wollte es nicht sehen. Wollte nicht sehen, wie dieser Jemand aussah, der so verrückt und durch geknallt lachen konnte. Am liebsten wollte ich nur eins: Weglaufen. Doch ich war wie versteinert, konnte mich keinen Zentimeter bewegen.

»Ich rieche…«, hörte man von der anderen Seite des Lochs und kaum eine Sekunde später, konnte ich es sehen. Sein Gesicht. Narben durchzogen es und seine Augen wirkten leichenartig leer. Auf seinen Lippen lag ein unerwidertes und völlig aufgedrehtes Lächeln, bevor er plötzlich schrie, »Ihr habt Angst!!!«

Die Lautstärke ging mir durch Mark und Bein und ich bebte am ganzen Körper.

Das kann nicht wahr sein, sagte ich mir die ganze Zeit. Das doofe daran war nur: Dass es an meiner Situation hier unten im stockdüsteren Tunnel mit einem völlig Verrückten nichts änderte!

Tränen der Angst drangen in meine Augen und ließen meine Sicht für einen Moment unklar werden.

»Großer Gott«, hörte ich Herr Schult verängstigt flüstern.

Ich nahm an, es war tatsächlich Josef Ludwig und ersah nach allem aus, aber sicher nicht nach einem auferstandenen Geist!

Mit einem Mal bewegte sich der Verrückte und kam durch das Loch … gekrabbelt.

Auf. Allen. Vieren!

Alles in mir schrie und ich wollte einfach nur noch weg. Als ich seine ganze Gestalt sah, schrie ich auf und rannte. Rannte in die entgegengesetzte Richtung davon.

Immer wieder stieg vor meinem inneren Auge die Gestalt vor mir auf. Ihr unheimliches Aussehen hatte sich bei mir mehr als nur etwas eingebrannt. Und die Art wie sie durch das Loch gekrabbelt kam…

Anfangs dachte ich, Herr Schult wäre gleich hinter mir, doch als ich nach mehreren Minuten Sprint hinter mich blickte, war er nicht mehr da. Ich dachte mir, er würde schon nachkommen. Möglicherweise war er kurz gestolpert und rappelte sich gerade auf, um mir zu folgen. Also rannte ich, ohne länger darüber nachzudenken weiter. Die Treppe hoch, durch die Tür ins beleuchtete Lager. Erst dort blieb ich aus der Puste stehen und atmete tief ein. Ich hörte die Tür hinter mir zufallen.

Warte mal… Zufallen?

Wie auf Knopfdruck drehte ich mich zur Tür um.

Sie war zu.

Mein Herz machte einen kurzen Aussetzer, bevor ich mich vorsichtig der Tür näherte und versuchte sie zu öffnen.

Ging nicht.

Die Tür war zu.

Wortwörtlich abgeschlossen.

Wenn die Tür zu war, dann konnte Herr Schult nicht mehr durch. Warum war er überhaupt plötzlich nicht mehr hinter ihr gewesen?

Hatte dieser Verrückte etwa…!?