Polaroidfotos zur Geschichte „Verschwörung an der Sieg?“ (Bild: Stadtarchiv Troisdorf) 

Analoge Sofortbilder aus dem Ordnungsamt

Analoge Sofortbilder aus dem Ordnungsamt

von Antje Winter

Das Stadtarchiv bewahrt viele alte Polaroidaufnahmen aus früheren Ermittlungen des Ordnungsamtes (Bild: Stadtarchiv Troisdorf)
Das Stadtarchiv bewahrt viele alte Polaroidaufnahmen aus früheren Ermittlungen des Ordnungsamtes (Bild: Stadtarchiv Troisdorf)
Roman Haenßgen und Maria Klefke bei ihrer Arbeit im Stadtarchiv (Bild: Stadtarchiv Troisdorf)
Roman Haenßgen und Maria Klefke bei ihrer Arbeit im Stadtarchiv (Bild: Stadtarchiv Troisdorf)

Archive sammeln und verwahren Bilder aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen und Beweggründen. Zu letzteren gehört es, das historische Stadtgeschehen abzubilden oder auch die Gegenwart fotografisch zu dokumentieren.

Was liegen hier für Bilder vor? Es sind Einzelbilder, die aus dem Zusammenhang gerissen sind. Sie haben Spuren wie Tacker- und Abheftlöcher, aber auch Beschriftungen blieben und sind sichtbar. Es sind Fotos, die mit dem damaligen und auch heutigen Blick Emotionen hervorrufen: Leidende Tiere, kaputte Autos, Einbruchspuren, gewollte Zerstörungen oder Schmierereien. Sie dokumentieren zugleich die konkrete, die alltägliche Arbeit des Ordnungsamtes der Stadt. Sie wurden angefertigt, um schnell und anschaulich zu informieren. Letztlich illustrieren sie die immer wieder und in variierenden Kontexten vorkommenden Ereignisse.

Idee

Bei der Bewertung, Entleerung und Vernichtung von Aktenordnern aus dem Ordnungsamt der Stadt Troisdorf im Sommer 2017 blieben die verblassten Polaroid Bilder zunächst zurück. Fasziniert waren wir - die beiden Praktikanten Maria Klefke und Roman Haenßgen sowie die Archivarin Winter - von der Fülle und Vielfältigkeit der alten analogen Fotos.

Die Vieldeutigkeit macht die Bilder spannend und regte uns, sammelnd, vergleichend und interpretierend tätig zu werden. Eine Idee war entstanden: Warum sollen die Aufnahmen nicht Teil der Rubrik „Fundstücke“ auf den städtischen Internetseiten bzw. dem Angebot des Stadtarchivs werden? Denn dort ist absichtlich nicht nur von „Archivalien“ die Rede.

Geschichte? Geschichten!

Und Bilder können helfen, eines zu tun: Geschichte(n) zu rekonstruieren, zu erzählen, Narrationen zu entwickeln und zu hinterlegen. Sie sind Kristallisationspunkte mit hohem Wiedererkennungswert und – häufig als Ikonen – auch Identifikationsmöglichkeiten, sind schnell wahrnehmbar und rezipierbar. Zugleich verblassen ihren Farben, verschwinden die Zuordnungen oder die Fotos werden kassiert, also vernichtet.

Mutig, aber doch kreativ kann es sein, aus sechs selektierten Fotos Geschichten zu entwickeln, die – auch vor dem Hintergrund der nötigen Anonymisierung und Distanz zum Überlieferungszusammenhang der Akte bzw. des Vorganges – etwas Neues schaffen. Bildquellen, die hier als Sofortbilder und kurzlebige Informationsträger einer funktionalen Verwertung unterliegen, geraten so in einen anderen Kontext, werden zur Grundlage von Story Telling.

Historische Bildungsarbeit

Archive beschränken sich nicht auf Aufbewahrung und Information. Sie sind aufgerufen, z.B. vermittels einer ausdifferenzierten Bildungsarbeit das Interesse der jüngeren Generation für Vergangenes, Prägendes, aber auch die Veränderbarkeit von Vorhandenem zu wecken und aufrechtzuerhalten. Daher wird die Verfasserin die Sofortbilder für weitere Projekte mit Schulklassen nutzen. Spannende Geschichten können so aus vermeintlichen Abfallprodukten entstehen. Die Voraussetzungen für spannende Geschichtsarbeit sind gegeben: Dekontextualisiertes, authentisches Bildmaterial schafft Anlässe, sich mit der fotografischen Überlieferungsform, ihren Spezifika, aber eventuellen Vorzügen und Nachteilen auseinanderzusetzen. Kritisches (Geschichts-) Bewusstsein bei den Schülerinnen und Schülern kann wachsen, wenn die Bildquellen be- und hinterfragt werden, wenn Sensibilität für ihren Entstehungs-, Verwendungs- und neuen Gebrauchszusammenhang entsteht. In Zeiten überbordender, kaum kritisch beäugter und kanalisierter Informationsfülle digitaler Provenienz kann das Beispiel der Bildquelle helfen zu verdeutlichen, dass auch Fotos keine Wirklichkeit – oder auch nur selektiv – abbilden und selbst diese immer auch eine Konstruktion darstellt.


Geschichte „Auf der Flucht“

von Maria Klefke

Polaroidfotos zur Geschichte „Auf der Flucht“ (Bild: Stadtarchiv Troisdorf)
Polaroidfotos zur Geschichte „Auf der Flucht“ (Bild: Stadtarchiv Troisdorf)

Plötzlich schreckte ich aus meinem Halbschlaf auf und saß kerzengerade auf meiner Liege im Garten. Ein lauter Tumult kam aus dem Haus meiner Großmutter. Ich stand auf und ging in Richtung des Hauses um herauszufinden, was diesen Lärm verursachte. Man konnte Großmutter `Raus hier´ schreien hören und irgendetwas krachte mit voller Wucht auf Holz. Ich stand direkt in der Flucht von der Gartentür, die sich direkt neben einem Fenster befand, und sah wie eine schwarze, mir unbekannte, Katze, die von unserem Schäferhund verfolgt wurde, auf die Gartentür zu rannte. Die Beiden wurden von meiner Großmutter, die mit einer Bratpfanne herumfuchtelte, verfolgt. Unser Hund hatte die Katze schon fast eingeholt, als sie eine scharfe Wendung machte, auf den Tisch sprang und von dort aus über die Fensterbank aus dem Fenster neben der Gartentür entfloh. Die Katze blickte sich gelassen um, als sei ihr bewusst, dass unser Hund ihr nicht durch das Fenster folgen konnte. Auf einmal hörte ich ein lautes Klirren. Die Glasscheibe der Gartentür zerbrach. Ich hörte meiner Großmutter fluchen. Später erfuhr ich von ihr, dass die Katze bei ihrem Sprung auf den Tisch die dickgefäßige portugiesische Keramikvase umgeworfen hatte und diese vom Tisch gefallen und mit voller Wucht gegen die Glasscheibe geprallt war. Wie die Vase dies unversehrt überstehen konnte, fragen wir uns noch heute.

Unser Hund sah währenddessen eine Möglichkeit, nach draußen zu gelangen. Er rannte mit rasender Geschwindigkeit auf die Tür zu. Meine Großmutter und ich schrien beide, um ihn aufzuhalten, aber wird waren erfolglos. Glücklicherweise sprang er geschickt durch das zerbrochene Glas, ohne sich dabei zu verletzen. Die Katze hatte dies wohl nicht erwartet, sie gab einen kreischenden Ton von sich und floh.

So begann die Verfolgungsjagd auf ´s Neue. Die Beiden rannten durch den Garten und warfen hier und dort Blumentöpfe um, die sofort zerschlugen. Auch die Blumenbeete wurden nicht verschont. Ich beobachtete das Geschehen und war viel zu perplex, um auch nur im Geringsten in das Geschehen einzugreifen. Meine Großmutter trat fluchend neben mich, immer noch die Pfanne in der Hand. Beide versuchten wir nun, unseren Hund mit harschen Worten zu beschwichtigten; als das nicht half, versuchten wir, uns ihm in den Weg zu stellen, um ihn davon abzuhalten, die Katze zu fangen. Doch unsere Bemühungen blieben erfolglos.

Nun rannten beide einmal um die Planschbecken herum und dann in Richtung unseres Nachbarn auf dessen hohe Thujenhecke zu. Die Katze schlupfte geschickt durch ein kleines Loch in der Thujenhecke. Unser Hund ließ sich von der Größe des Loches nicht beeindrucken und sprang hinter ihr her. Er hinterließ ein weitaus größeres Loch in der Hecke als zuvor. Das würde unserm Nachbarn bestimmt nicht gefallen.

Jetzt nahm ich die Verfolgung auf. Ich rannte quer durch den Garten und sprang über den Zaun zur Straße hin und wollte gerade durch das Tor unseres Nachbarn gehen, als ich sah, dass die Beiden sich mittlerweile auf der Straße befanden. Die schwarze Katze hatte sich auf einen Berg von Müll gerettet und verteidigte sich mit ihren Krallen, während unser Hund den Müllberg langsam aber sicher auseinander nahm und eine große Verschmutzung verursachte. Ich hatte die beiden fast erreicht, als er ihr wohl zu nah kam und sie erneut die Flucht ergriff. Diesmal rannte sie in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

Ich verfolgte sie bis zum Haus meiner Großmutter. Die beiden waren auf der Straße, die auf die Felder führte. Ich war zu Fuß viel zu langsam. Daher holte ich mir mein Fahrrad aus dem Garten. Erschreckt musste ich verstellen, dass die beiden außer Sichtweite waren. Daher entschloss ich mich einfach der Straße stadtauswärts zur folgen.

Es dauerte nicht lange und ich war von bestellten Feldern und Wiesen, auf denen Schafen weideten, umgeben. Die Straße außerhalb der Stadt machte viele scharfe Kurven. Sie war recht schmal und man musste aufpassen, dass man nicht mit dem Gegenverkehr zusammen stieß. Hier draußen ist eigentlich nie viel los. Es ist ruhig, die Vögel zwitschern und ab und zu hört man ein Schaf mähen. Ich führ an mehreren Schafwiesen vorbei. Die Tiere lagen ruhig im Gras und beobachteten mich mit Desinteresse. Es schien nicht so, als sei hier etwas Ereignisreiches, wie ein Hund, der eine Katze verfolgt, geschehen. Mit der Zeit bezweifelte ich, dass die Beiden sich auf der Straße befinden würden, schließlich war es sehr gut möglich, dass die Beiden jederzeit von der Straße auf ein Feld gerannt waren.

Unerwartet hörte ich ein lautes Poltern. Voller Sorge radelte ich noch schneller als zuvor auf die Geräuschquelle zu. Hinter einer scharfen Kurve sah ich einen Obsttransporter des Bauers Tiede, der auf einem Feld neben der Straße stand. Der Bauer Tiede stieg gerade aus der Fahrerkabine und schimpfte vor sich hin. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Heckklappe des Obsttransporters auf gegangen war und die frisch gepflückten Äpfel auf der Wiese verteilt lagen. Er sah mich wütend an und fragte mich „Das ist doch dein verrückter Hund, der die Gegend hier unsicher macht?“ Ohne auf die Frage einzugehen fragte ich ihn, was passiert sei und ob er verletzt sei. Letzteres verneinte er und er gab an, dass aus dem Nichts eine Katze und ein großer Schäferhund um die Ecke auf das Feld gehetzt waren und er in plötzlich in die Bremsen treten musste. Dabei habe sich die Heckklappe des Transporters geöffnet und die Äpfel rutschten raus. „Nun ist die ganze Arbeit für einen Tag hin“, sagte er seufzend und blickte auf die auf der Wiese verteilten Äpfel. Ich entschuldigte mich bei ihm für das Verhalten unseres Hundes und er winkte ab, „Unser Hund hat auch schon viele dumme Sachen angestellt.“ Seine Wut schien nach dem ersten Schock verpufft zu sein. Er fügte an: „Die beiden sind von der Straße direkt hier aufs Feld gerannt, und von hier aus dort rüber.“ Er zeigt quer über das Feld. „Wenn du dich beeilst, hast du vielleicht Glück und findest sie, bevor noch etwas Schlimmeres passiert.“ Ich sagte ihm, dass ich ihn unmöglich allein lassen könne, doch dies schlug er hab: „Mach dir keine Sorgen um mich. Geh nur.“

Verunsichert führte ich meine Suche fort. Doch sie sollte erfolglos bleiben. Nach langer Suche machte ich mich auf den Heimweg. Der Obsttransporter des Bauern Tiede war nicht mehr dort nur noch die Äpfel lagen auf dem Feld und erinnerten an den Vorfall. Besorgt und unzufrieden kehrte ich zum Haus meiner Großmutter zurück. Jemand hatte eine Plastikplane vor die kaputte Glasscheibe geklebt. Ich entschloss mich, das Fahrrad in den Garten zustellen und dann vorne in das Haus zu gehen. Die Gartentür wollte ich nicht weiter strapazieren. Ich klingelte und gleich darauf hörte ich das so gewohnte und geliebte Bellen unseres Schäferhundes, der zur Haustür gerannt war. Na dann war ja alles gut.

Geschichte „Verschwörung an der Sieg?“

von Roman Haenßgen

Polaroidfotos zur Geschichte „Verschwörung an der Sieg?“ (Bild: Stadtarchiv Troisdorf) 
Polaroidfotos zur Geschichte „Verschwörung an der Sieg?“ (Bild: Stadtarchiv Troisdorf)

Das mit dem sizilianischen Flair hatte er sich anders vorgestellt. Vor Wut schnaubend ging der Verwalter der Stadt in seinem Büro auf und ab. In der Stadt häuften sich Beschwerden. Vor ihm standen die Vertreter der Stadtwerke, örtlichen Polizei und des Ordnungsamtes. „Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird der Ruf unserer Stadt auf Dauer beschädigt sein. Der Müll stapelt sich in den Straßen und die Bauarbeiten auf den lokalen Baustellen werden nicht angefangen. Gegen uns wirkt, wenn das so weitergeht, Neapel sauber und organisiert“ sagte der Verwalter.

Als sie heute Morgen den Anruf aus dem Rathaus bekam, dass sie sich heute Mittag im Büro des Verwalters einzufinden hat, hatte sie bereits keine Lust mehr auf diesen Tag gehabt. Das es momentan Probleme mit der Müllbeseitigung an einigen Stellen der Stadt gab, stritt sie gar nicht ab und auch an mancher Baustelle ließ das Tempo zu wünschen übrig, doch ist das was Ungewöhnliches? Sie sollte gar nicht hier sein,  denn wilder Müll und langsame Bauarbeiten waren die Probleme der Stadtwerke, der Kommunalpolitik und des Ordnungsamtes und nicht der Polizei. Leider waren der Verwalter und die lokalen Medien der kruden Theorie verfallen, dass es sich bei der ganzen Geschichte um eine groß angelegte Verschwörung gegen die Stadt handele. Nur wer genau dahinter stecken solle, darüber war man sich uneins. Jeder schien seine eigene Theorie zu haben, welche ihre Unwahrscheinlichkeit nur noch durch ihre Absurdität übertrafen. Ihren Favoriten unter diesen Theorien hatte sie vor zwei Tagen durch einen Kollegen mitgeteilt bekommen. Er sagte, es hätten sich bei der Polizei Leute gemeldet, welche dies alles für Vorbereitungen für eine baldige Alien-Invasion sahen. Dagegen wirkte die Theorie des Verwalters von einer Verschwörung der Opposition richtig einfallslos, welche er just in diesem Moment wieder auftischte. Deshalb hörte sie nicht zu, sondern blickte nur teilnahmslos aus dem Fenster. „Langweile ich Sie, Frau Kommissarin?“ riss der Verwalter, welcher anscheinend von dem Stadtwerke Mann abgelassen hatte, sie wieder in das Büro zurück. „Ehrlich gesagt tun Sie das wirklich, Herr Verwalter“, entgegnete sie ihm. „Sie werden nicht mehr so arrogant sein, wenn Sie unsere Beweise gesehen haben!“

Das soll wohl ein schlechter Scherz sein! Beweise hatte er gesagt! Und was war in dem Umschlag drin, den der Mitarbeiter vom Ordnungsamt ihr übergeben hatte? Drei Fotos. Anstatt nun endlich den Fall abzuschließen, wurde sie von ihren Vorgesetzen angewiesen diesen „Spuren“ nachzugehen. „Allzu beschäftigt kann die Polizei wohl nicht sein, wenn sie Leute für sowas abstellen kann“, hatte sie ihrer Chefin entgegen geworfen. Diese sagte nur: „Sie plädieren doch immer für mehr Bürgernähe und Transparenz, also gehen Sie los und nehmen die Sorgen und Ängste der Bürger auf und beruhigen sie, bevor es die neugegründete Liga zur Verteidigung der Stadt gegen außerirdische Invasoren macht. Also finden Sie raus, was hier los ist, damit dieser Spuk ein Ende findet“.

Sie betrachte das erste der drei Bilder, es war eine schlechte Photographie. Doch obwohl das Bild verwackelt war, erkannte man, dass ein Haufen Stroh oder ähnliches zwischen ein paar Bäumen lag. Als sie die Stelle gefunden hatte, stapfte sie eine halbe Stunde durch den Haufen auf der Suche nach Hinweisen auf eine Verschwörung der Opposition oder von sonst wem. Problematisch war jedoch, dass sie auch gar nicht wusste, wonach sie suchte. Als sie den Ort  verließ, war das einzige Ergebnis, dass sie dreckige Schuhe hatte. Sie schlug gegen das Lenkrad ihres Wagens, „was für eine Verschwendung meiner Lebenszeit“.

Das zweite Bild zeigte lediglich mehrere Paletten mit Steinen, welche auf einem Parkstreifen standen. Es war eine Notiz des Verwalters beigefügt. „unverhältnismäßige Verzögerung bei Bauarbeiten deuten auf Beteiligung von innerhalb der Kommunalpolitik vernetzten Personen hin. Ziel Schädigung des Rufes der Stadtregierung und vor allem des Bürgermeisters“. Als Frau Meyer in ihrem Wagen saß überlegte sie, ob dem Verfasser dieser Notiz irgendwie bewusst werden kann, dass momentan er selbst seinem Ruf am meisten schadete.

Als sie an der genannten Straße ankam war jedoch kein Stapel Steine mehr zu sehn. Dafür sah der Bürgersteig wie neu aus.

Der letzte der drei angeblichen Tatorte, welche die Mitarbeiter des Ordnungsamtes fotografiert hatten, befand sich in der Innenstadt. Zwar hatte sie diese Mauer aus gelben Säcken gesehen. Doch sie war in keinster Weise auf diesen Anblick vorbereitet und vor allem nicht auf den Gestank. Es schien fast so, als ob jemand versuchen würde, die Straße durch einen Wall abzuriegeln. Ein Wall aus Müll. „Nun muss man nur noch den Burgherren finden“, murmelte Sie. In diesem Moment flog von der Hinterseite ein weiter gelber Sack auf das Gebilde und löste ein Rutschen der anderen Säcke aus. „Da haben wir ihn ja“, sagte sie, als sie eine Gestalt hinter den Säcken erkannte. Die Gestalt drehte sich sofort um und rannte los, als sie merkte, dass sie nicht alleine war. In der Eile entschied sich Frau Meyer dafür den kürzeren Weg über die Säcke zu nehmen, anstatt herum zu laufen. Eine totale Fehlentscheidung, wie sie feststellte, als die Säcke nachgaben und sie bis zur Hüfte im Müll stand. Das obligatorische „Stehen bleiben Polizei“ verlor dadurch einiges an seiner Wirkung. Als sie sich aus dem Müll befreien konnte, sah sie die Gestalt, um die nächste Ecke verschwinden.

Kurze Zeit später erklang das unschöne Geräusch eines Motors, welcher nicht ganz freiwillig zum Starten gebracht wurde. Als sie um die Ecke gebogen war, erblickte sie ein rotes Auto, welches weg fuhr. Der aufkommende Ärger wich jedoch schnell, als sie die breite Ölspur auf der Straße entdeckte. Der würde nicht weit kommen und war somit im näheren Umkreis zu suchen. Ihr erster Impuls war es, die Verfolgung aufzunehmen. Doch wer auch immer das gewesen war, er hatte nur seinen Müll ordnungswidrig abgelegt. Kein Grund für weitere Überstunden. Außerdem wurden sowohl sie selbst als auch ihre Kleidung für diesen verrückten Fall heute schon genug beansprucht. Es war genug für heute.

„Selbst die Polizei versinkt im Müll“ prangte auf dem Titelblatt der Zeitung, da drunter war Frau Meyer zwischen den Müllsäcken abgebildet. Wer hatte dieses Foto geschossen? Weiter unten war ein schemenhafter Umriss abgebildet. Über dem Bild wurde gefragt: „Wer ist dieser unbekannte Flüchtige?“ Ihr Telefon hielt sie davon ab, noch intensiver über die Tarnfähigkeit von Lokalreportern nachzudenken. „Der Verwalter will sie sprechen“.

„Während sie sich öffentlich blamiert haben, habe ich den Fall auch ohne ihre Hilfe alleine gelöst“ begrüßte sie der Verwalter. „Haben Sie den Oppositionsführer in der Zeitung erkannt, Herr Verwalter?“ „Nein…“, begann der Bürgermeister triumphierend. „Ich habe Oppositionsführer Hinz…“. Sein Grinsen verschwand und sein Gesicht nahm einen Ausdruck von Verwirrung an „… in der Zeitung als den Flüchtigen erkannt. Woher wussten Sie das?“

„Nennen wir es einfach Intuition“, sagte die Kommissarin, als sie Kopf schüttelnd das Büro verließ. Von wo aus ihr noch nachgerufen wurde: „Dann nehmen sie ihn fest. Er ist eine Gefahr. Nicht nur für die Stadt, sondern für die nationale Sicherheit.“ Sie war fast aus dem Rathaus heraus, als sie gerufen wurde. „Frau Kommissarin Meyer, ich weiß, wer der Unbekannte ist“ rief der Oppositionsführer.

Sie müsste dringend den Unbekannten erwischen, um diesen Wahnsinn zu beenden. Während sie zur Stelle fuhr, wo sie das rote Auto verloren hatte, erklang im Radio:

„Während Stadtregierung und Opposition sich gegenseitig für den Verfall innerhalb der kommunalen Aufgaben verantwortlich machen, glauben 60% der Befragten, dass es sich bei den Urhebern um außerirdische Reptiloiden handelt. Bei mir ist heute Günther Olaf, erster Vorsitzende der Liga zur Verteidigung der Stadt gegen außerirdische Invasoren. Herr Olaf, wie kommen Sie dazu zu behaupten, dass die Stadt kurz vor einer Invasion der Reptiloiden steht?“

„Erstmal guten Tag, ich muss Sie darauf hinweisen, dass wir seit kurzem so viele Mitkämpfer aus aller Welt hinzugewonnen haben, dass wir uns zur Liga zur Verteidigung der Erde gegen die Reptiloiden umformiert haben (LVEgR). Wir stehen nicht kurz vor der Invasion, sie hat bereits begonnen. Dafür gibt es klare Vorzeichen: Kommunale Bauprojekte dauern länger und werden teurer. Der wilde Müll steigt an. Wie soll man das denn anders erklären, als durch interstellare Einflussnahme. Die Führer der Welt, wie der Kanzler, sind eigentlich getarnte Reptiloiden und bereiten seit Jahren ihre Invasion vor, wie allgemein bekannt ist!“

„Sind also unsere kommunalen Politiker Aliens?“

„Unsere führenden Alien Experten gehen davon aus, dass die Reptiloiden in der Stadt einen viel raffinierteren Plan verfolgen. Sie sorgen für Verwirrung und beobachten getarnt unser Verhalten in Krisensituationen, um ihre Invasionspläne an unser Verhalten anzupassen. Aber wir haben sie entdeckt, diese Monster haben sich als süße Katzen getarnt. Deshalb haben wir überall Bekanntmachungen aufgehängt, um sie zu finden.“

Frau Meyer schaltete das Radio aus. Sie war da. Der Spur konnte sie bis zu einem Garten folgen, in dem zwei Personen gerade das Auto reparierten. Als sie angekommen war, setzte sie den Flüchtigen vom Vortag fest. Auf die Frage, warum er seinen Müll auf den Haufen schmiss statt in die Tonne, antwortete dieser nur: „Die Tonne war weiter weg und muss rausgestellt werde. Dachte, ein weiterer fällt schon nicht auf“.

Mit ihm auf dem Rücksitz fuhr die Kommissarin Richtung Rathaus. Doch sie wusste, dass es schwer sein würde, die Stadt davon zu überzeugen, dass es das Fehlverhalten einzelner Bürger war, dass das Chaos auslöste und keine großangelegte Intrige oder Invasion. Es ist so viel einfacher die Schuld bei anderen zu suchen, als bei sich selbst.

Günther Olaf hängt bis heute noch Zettel in der Stadt  auf, mit denen er nach Katzen sucht, um sie als Reptiloiden zu enttarnen. Die Zettel überschreibt er mit WANTED, Gesucht oder Vermisst.