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Neueste Fundstücke im Stadtarchiv Troisdorf

Auf dieser Seite veröffentlicht das Stadtarchiv in loser Reihenfolge besondere Quellen, sogenannte „Fundstücke“. Die Quellen, zum Beispiel Fotos, Dokumente, Bücher, aber auch Auszüge aus Protokollen oder gegenständliche Quellen wie Geschenke an den Bürgermeister stammen aus den Beständen des Stadtarchivs. Die Fundstücke werden im Zusammenhang ihrer Historie vorgestellt und erläutert. Bilder und Scans ergänzen das präsentierte Stück.

Die Reihe beginnt mit einem thematischen Bezug zum Ersten Weltkrieg, dessen Beginn sich 2014 zum 100. Mal jährt. Sie können das Fundstück als pdf-Datei herunterladen.
Die älteren Stücke werden Ihnen dauerhaft zum Nachlesen zur Verfügung stehen.

Falls Sie, liebe Leser, Anregungen, Hintergründe sowie Hinweise zu den vorgestellten Quellen bereitstellen wollen oder uns interessante neue Fundstücke überlassen möchten, schreiben Sie uns eine E-Mail an Stadtarchiv@troisdorf.de.

Viel Freude beim Lesen!

Die Sieglarer "Ehrenchronik unserer Gemeinde" zum I. Weltkrieg

von Hans Hesse und Elke Purpus

Titelblatt der Sieglarer Ehrenchronik Sieglarer Ehrenchronik Button Bild vergrößern

"Um den vielen Söhnen unserer Gemeinde, die im Weltkrieg 1914–1918 in treuer soldatischer Pflichterfüllung Leben und Gesundheit geopfert haben, ein Denkmal unauslöschlichen Gedenkens zu setzen und ihre Namen als leuchtendes Bespiel der Vaterlandsliebe und des Gemeinsinns der Nachtwelt zu überliefern, hat die Gemeinde beschlossen, dieses Ehrenbuch zu errichten. Die Kriegschronik unserer Gemeinde soll den künftigen Generationen zugleich ein Spiegelbild der tiefeinschneidenden Veränderungen geben, denen unser Gemeinwesen während des Krieges und in den darauffolgenden Jahren unterworfen war. Sie soll auch den Weg zeigen, der vom Niedergang unserer Nation zum Wiederaufstieg und der nationalen Erhebung des deutschen Volkes führte." [1]

Diese Sätze stammen aus der Widmungsurkunde der "Ehrenchronik unserer Gemeinde", die an die Gefallenen und Kriegsteilnehmer des I. Weltkriegs aus Sieglar [2] erinnert und im Stadtarchiv in Troisdorf aufbewahrt wird.

Bei der Sieglarer "Ehrenchronik" handelt es sich nicht, ganz im Gegensatz zu dem Anschein, den die Widmungsurkunde erweckt, um ein Unikat-Gedenkbuch, sondern um ein Auflagenbuch mit Blanko-Gedenkseiten.

Die "Ehrenchronik" wurde nach 1933 im Chronik-Verlag herausgegeben. Auf annähernd 350 Seiten werden sowohl einzelne Kriegsteilnehmer (Ehren-Urkunde) als auch Gefallene (Helden-Urkunde) auf jeweils einer Seite (35 cm x 25 cm, Quart) vorgestellt. Die einzelnen Seiten stellen Informationen über die Kriegsteilnehmer zusammen. Neben dem Namen und dem Geburtsdatum werden die Truppenteile, die mitgemachten Schlachten und Gefechte, Auszeichnungen, Verwundungen und Entlassungsdaten erfasst. Bei den Gefallenen kommen noch das Todesdatum und ein eventuell bekannter Beerdigungsort hinzu. In nicht unerheblichem Umfange sind den Urkunden Fotos beigefügt.

Ursprünglich waren mehrere Bände, vermutlich drei, der "Ehrenchronik" für Sieglar angefertigt worden. Überliefert ist der dritte Band mit den Gemeinden Oberlar, Eschmar und Kriegsdorf. [3]
Es handelt sich gegenüber anderen vergleichbaren Gedenkbüchern um eine – zumindest was die Informationen zu den einzelnen Namen anbetrifft – der ausführlichsten Auflistungen im Rheinland.

Die Sieglarer "Ehrenchronik" des Chronik-Verlags, die nach 1933 konzipiert und verkauft wurde, stellt eine nazifizierte Ausgabe der Chronik aus dem Verlag Adolf Hafner dar. Sowohl das Format als auch die Gliederung und die Texte sind identisch. Allerdings gibt es einige Unterschiede, die zugleich erklären, warum nach 1933 eine neue Chronik erschien: Da ist zunächst die Widmungsurkunde. Die Hinweise im letzten Satz auf die "nationale Erhebung" und angeblichen "Wiederaufstieg" richten die Ehrenchronik gleich am Anfang im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie aus. Die gravierendsten Überarbeitungen erfuhren die Gedenkblätter. Für die getöteten Soldaten sind sie nun mit "Helden-Urkunde" betitelt. Unter dem Schriftzug "Er starb für uns" ist ein aufgebahrter Soldat zu sehen. Feuerschalen rechts und links, ein Reichsadler, das Eiserne Kreuz und Stahlhelme mit Kurzschwertern, geschmückt mit Lorbeerblättern im Rahmen des Gedenkblattes weisen eine sehr viel größere militaristische Ikonografie auf. Die Gedenkblätter für die Kriegsteilnehmer werden nunmehr als "Ehren-Urkunden" bezeichnet. Auch sie wurden ikonografisch überarbeitet. Im Rahmen sind Reichsadler, Eiserne Kreuze, Eichenblätter und jeweils rechts und links zwei stehende Ritter in Rüstungen, in der linken Hand jeweils ein mächtiges Schild, in der rechten ein Langschwert haltend, vor einem Strahlenkranz abgebildet. Ein Motiv, das auch schon im Einband vorkommt und an die mächtigen Skulpturen des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig erinnert. Die einzelnen Blätter sind mit dem Kürzel "B.G." signiert.

Der Text wurde zum Ende der "Ehrenchronik" ebenfalls ergänzt. Neu aufgenommen wurden die Kapitel „Die Geschichte des Dritten Reiches", die mit der Geburt Adolf Hitlers beginnt und nur bis zum 21. März 1933, dem so genannten Tag von Potsdam und dem Tag der Abstimmung über das "Ermächtigungsgesetz", die das Ende der Weimarer Republik besiegelte, reicht und "Die Nationalsozialistische Bewegung in unserer Gemeinde". Die Seiten sind in der Sieglarer "Ehrenchronik" leer geblieben. Die Rahmungen für diese Seiten bestehen aus einem mittig gesetzten Parteiadler und Hakenkreuzen im Rahmenband.

Im Rheinland ist diese "Ehrenchronik" noch in Bensberg (Stadtarchiv Bergisch Gladbach) und für die Gemeinde Büsbach (Stolberg, Städteregion Aachen) nachweisbar. Für letztere ist eine Rechnung vom 26. Juni 1935 erhalten, der zufolge der Preis der Chronik 168 RM betragen haben soll. Die Büsbacher Chronik bestand aus drei Bänden (ähnlich wie in Troisdorf), je Band 56 RM. Offenbar gab es eine Klassifizierung, die sich nach der Größe der Städte richtete. Büsbach wurde mit 9.000 Einwohnern in die Größe "IX" (drei Bände) eingestuft.

Sieglarer Ehrenchronik, Helden-Urkunde von Peter Brodeßer Helden-Urkunde von Peter Brodeßer Button Bild vergrößern

Die Sieglarer "Ehrenchronik" listet 63 Tote für die Gemeinden Oberlar (44), Eschmar (11) und Kriegsdorf (8) auf. 297 Namen werden als Kriegsteilnehmer/Heimkehrer genannt. In einer Zusammenstellung von 2011 werden 69 Gefallene genannt. [4] Das bedeutet, dass Mitte der 1930er Jahre die Anzahl der Kriegstoten bereits annähernd bekannt war. Was jedoch auffällt ist, dass für keinen der Toten eine Grabstelle angegeben wurde. Wohl wurde für die Hälfte der Toten ein Ortsname angegeben, wo der Tote beerdigt sein soll, aber dennoch handelt es sich nur um eine vage Angabe. Für ein Drittel der Namen konnte nur die Angabe 'begraben in Frankreich' gegeben werden. Der Name eines Friedhofs, die Grablege dort, all das waren Informationen, die Mitte der 1930er Jahren noch nicht vorlagen. Zwei Drittel aller Toten starben in Frankreich. Dagegen ist ein Kriegsjahr, in dem besonders viele Soldaten starben, nicht auszumachen: 1914 = 7, 1915 = 17, 1916 = 12, 1917 = 14, 1918 = 13. Der erste getötete Soldat war Peter Brodeßer (s.Abb.). Er starb am 29. August 1914 bei Sedan. Eine weitere, unerklärliche Besonderheit ist, dass die Geburtsdaten von annähernd 60% der Toten nicht bekannt waren. Der jüngste Tote war wohl Johann Scharfenstein. Er starb am 22. April 1917 im Alter von 18 Jahren. Der älteste war wahrscheinlich Jakob Thies. Er starb am 17. Juni 1916 im Alter von 40 Jahren. Insgesamt ist zu konstatieren, dass Mitte der 1930er Jahre, immerhin 20 Jahre nach Kriegsende, selbst über die Toten des I. Weltkriegs anscheinend nur wenige gesicherte Informationen vorlagen.

Zu den Besonderheiten bei den 297 Kriegsteilnehmern/Heimkehrern gehört, dass ca. 40% im Krieg verwundet worden waren. Annähernd 80% hatten eine oder mehrere Auszeichnungen erhalten. Die weitaus häufigste Auszeichnung war das "Ehrenkreuz für Frontkämpfer" oder "Kriegsteilnehmer". 85% der Ausgezeichneten erhielten eine solche Ehrung. Die zweithäufigste Auszeichnung war das Eiserne Kreuz II. Klasse (EK II.), das 57% der Ausgezeichneten verliehen wurde. Die nächsthöhere Stufe, das EK I., erhielten dagegen nur noch 4%. Ein Verwundetenabzeichen erhielten 6%.

Einen wichtigen Datierungshinweis für die "Ehrenchronik" bieten die aufgelisteten Auszeichnungen für die Soldaten. Unter ihnen befindet sich das so gennannte "Ehrenkreuz für Frontkämpfer" oder "Kriegsteilnehmer". Es wurde anlässlich des 20. Jahrestages des Beginns des I. Weltkriegs am 13. Juli 1934 von dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gestiftet und auf Antrag verliehen, allerdings erst von Adolf Hitler, da Hindenburg am 2. August 1934 verstorben war. Das "Ehrenkreuz" wurde über sieben Millionen Mal verliehen. Die Sieglarer "Ehrenchronik" wurde somit vermutlich um 1935/1936 ausgefüllt. Die Drucklegung erfolgte vermutlich nicht vor August 1933.

Quellennachweise

  • [1] Ehrenchronik unserer Gemeinde, Chronik-Verlag, München 1935 (?) (Signatur im Stadtarchiv Troisdorf B 1060; weiter nachgewiesen in Büsbach (Stolberg, Städteregion Aachen) und Bensberg (Stadtarchiv Bergisch Gladbach)).
  • [2] Die Stadt Troisdorf in ihrer heutigen Ausdehnung existiert erst seit der Gemeindereform 1969. Die in der "Ehrenchronik" erwähnten Ortschaften Oberlar, Eschmar und Kriegsdorf gehörten zur Zeit der Entstehung der "Ehrenchronik" zu der Stadt Sieglar, die erst 1969 nach Troisdorf eingemeindet wurde. Deshalb wird für diesen Text die Bezeichnung "Sieglarer Ehrenchronik" gewählt.
  • [3] Da die Seitenzahl der einzelnen Bände vom Verlag vorgegeben war, konnten die einzelnen Bände offensichtlich nicht alphabetisch sortiert nach den Ortschaften angelegt werden, sondern mussten über die Bände 'verteilt' werden. Dies könnte erklären, warum der 3. Band die Ortschaften Oberlar, Eschmar und Kriegsdorf umfasst. Es fehlen Bergheim, Müllekoven, Sieglar und Spich.
  • [4] Höngesberg, Peter, Die Kriegstoten der Stadt Troisdorf, Schriftenreihe des Archivs der Stadt Troisdorf, Nr. 30, Troisdorf, März 2011.

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